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Serge Lutens

« Wenn ich etwas finde, daß auf mich einen noch größeren Eindruck hinterläßt, als die Parfümerie, würde ich sie ohne zu zögern aufgeben. »

Serge Lutens hat für einige Tage sein marokkanisches Exil verlassen, um sein L'Eau Serge Lutens vorzustellen. Diesen Duft beschreibt er als 'Anti-Parfüm'. Der geheimnisvollste aller Parfümdesigner war kurz in Paris und hat ein halb offenes, halb mysteriöses, langes Interview gegeben.
Das Gespräch führte Nicolas Olczyk

Um ihr neuestes Parfüm zu präsentieren haben sie für einen anderen Ort* auf das traditionelle Rendezvous am Palais Royal verzichtet. Warum ?
Durch diesen Ort kann ich eine andere Geschichte erzählen. Auch deswegen, weil ich an Brüche glaube. Ich mag die Erfahrung von Brüchen. Wenn man selber nicht altmodisch werden möchte, muß man manchmal alles ändern, um weiter existieren zu können… Damit sich eigentlich nichts verändert. Das Geschäft im Palais Royal ist bereits ein Art Bruch: Es war die Umsetzung einer ganz persönlichen Parfümerie. Auch mein erstes Parfüm von 1982, Nombre Noir, war ein richtiger Bruch. Damals war alles vergoldet, von den Parfüms, über den Hüten bis zu den Lippenstiften. Und dann kam ich mit einem Parfüm, das einen schwarzen Stil verkörperte, und eine ganz schwarze Verpackung besaß. Der zweite Bruch war Féminité du Bois 1992.

Als Fleurs de Citronnier herauskam sprachen sie von einem Parfüm Anti-Cologne. Heute laden sie uns zu einer Präsentation eines Anti-Parfüms ein. Ist bei dieser Präsentation etwas Provokation dabei ? Ist das Anti-Parfüm vor allem Anti-Serge Lutens ?
Sie wissen, als ich L'Eau Serge Lutens vorgestellt habe, hatte ich den Eindruck Saint-Just zu sein, der gerade verkündet, daß der Adel seine Privilegien verlieren wird. Aber haben sie keine Angst, es ist kein Cologne. Ich hasse Colognes. Es ist nicht wirklich ein Parfüm. Es ist ein Eau der Sauberkeit. Elegant und subtil. Es ist so, als ob man aus dem Bad kommt. Man zieht sich ein frisch gebügeltes Hemd an, kommt in saubere Bettücher…

Es ist also ein neues Erlebnis an Frische in ihrem kreativen Universum ?
Genau genommen ist es kein frisches Eau. Man könnte sagen, daß es eine frische Brise zwischen den ganzen gräßlichen Gerüchen ist. Dieses Eau ist… eine Tablette von Valda auf dem Mont Blanc.

Gleichzeitig haben sie vor kurzem in der Produktlinie 'export' Muscs Koublaï Khan herausgebracht, ein schweres Parfüm mit animalischen und dreckigen Tonarten. Dieser Duft ist davon das Gegenteil, was das Geruchspektrum angeht.
Ich mag beide. Die Sauberkeit und den Schmutz…den luxuriösen Schmutz. MKK hat tatsächlich sehr kräftige Kopfnoten. Das erstaunliche ist aber, daß Babys diesen Duft lieben.

Jede Begegnung in Paris ist ein Besuch, da sie ja nicht hier leben. Warum leben sie lieber in Marokko ? Was hat das Land mehr zu bieten ? Oder was fehlt ihnen dort ?
Marokko entdeckte ich 1968. Diese erste Reise war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe zum Beispiel Stücke von Zedernholz entdeckt, die später das Parfüm Féminité du Bois prägten. Warum Marokko ? Ich weiß es nicht. Ich habe ohne es zu wollen viel konstruiert; das ist wie ein Gefängnis. Dort habe ich alle meine Bücher. Aber ich könnte auch mit nichts leben, nur mit einem Pullover im Hotel. Ich liebe Paläste. Ein Zimmer im Ritz*** ? Diese Idee gefällt mir.

Serge Lutens, abgesehen von ihnen, wer hätten sie sein mögen ? Oder vielleicht, wer hätten sie sein können ?
Das weiß ich wirklich nicht. Oder vielleicht König von Frankreich. Oder eher Königin von Frankreich, wegen dem Luxus. Katharina von Medici ? Oder vielleicht Johanna von Orléans. Ich hätte ein Heiliger sein können, oder ein Schwerverbrecher.

Welches Parfüm eines anderen Designer hätten sie gerne geschaffen ? Oder umgekehrt, von heute aus gesehen, welches Parfüm würden sie heute nicht mehr, oder zumindest anders entwerfen ?
Ich bereue nichts. Ganz am Anfang, mochte ich keine Parfüms. Die Welt der Schönheit habe ich mit 14 Jahren kennengelernt, als man mich in einen Friseursalon gesteckt hat. Ich wollte schnell die Nabelschnur durchschneiden. Ich habe dann beide Enden zusammengefügt, indem ich für Modemagazine arbeitete. Dann war ich es leid, ein dienstbarer Junge zu sein. Ich habe bei Dior angefangen und dort die erste Linie für Make Up geschaffen. Für die Parfüms habe ich aufgehört zu fotografieren, was für mich ein Mittel war, mich auszudrücken. Aber wenn ich etwas finde, daß mir eine noch größeren Eindruck hinterläßt, als die Parfümerie, würde ich ohne zu zögern das gleiche tun.

Wie ist es für sie, bewundert zu sein ? Daß ihre Parfüms gefallen oder nicht, oder sogar stören
Bewundert zu sein macht Angst und kann gefährlich sein… Ich glaube, daß meine Parfüms nur wenigen gefallen einem harten Kern.

Vielleicht werden sie bewundert, weil viele glauben, sie durch ihre Parfüms zu kennen ? Einige besitzen viele und da sie sie tragen, denken sie am Ende vielleicht, daß sie diese besser kennen, als der Designer, der sie geschaffen hat ?
Vielleicht. Aber wissen sie, vor nicht all zu langer Zeit habe ich jemanden getroffen, den ich mich vorgestellt habe. Und er hat mir gesagt: Ah, Serge Lutens, der berühmte Fotograf'. Die Menschen bleiben ihren Wurzeln treu.

Auf den Blogs kann man lesen, daß einige Marken das versuchen, was Serge Lutens vor 10 Jahren gemacht hat. Wenn das für sie ein Kompliment ist, was halten sie von der Kritik gegenüber den Parfümmarken ?
Ich bin vielleicht arrogant, wenn ich sage, daß ich nicht glaube, daß es eine Kritik ist. Sie haben völlig Recht. Zehn Jahre oder sogar mehr. Wie auch immer, egal was ich vor 10 Jahren gemacht habe, heute interessiert es mich nicht mehr.

Seit einigen Jahren stellen sie immer wieder ihre Freiheit, Phantasie und ihren Humor unter Beweis, was die Brennung der Parfüms (Fille en Aiguilles, Louve, Serge Noire, Nuit de Cellophane, Five O’Clock au Gingembre) betrifft. Die traditionellen Marken hingegen benennen ihre Parfüms genauso wie vorher. Sind Parfüms, die auf Rohstoffe setzen out ?
Namen haben für mich einen poetischen Wert. Ambre Sultan, Cuir Mauresque sind Namen, die an die Farben denken lassen, nicht an Rohstoffe. Der Name ist bereits eine Geschichte. Als ich das Parfüm Encens & Lavande herausgebracht habe war der Zeitgeist sehr modern. Louve erzählt von weiß, dem Schnee und bitterer Mandel. Féminité du Bois war ein mysteriöser Name, der sich wie ein afrikanischer Satz anhört. Doch heute scheint es heute eine ganz einfaches und offensichtliches Konzept zu sein.

Wie war es für sie Kommandeur der Arts et des Lettres**** geworden zu sein ?
Ich war überrascht, weil ich nicht diese Art von Auszeichnungen anstrebe. Wissen sie, ich bin seit 1968 international bekannt, seitdem ich bei Dior gearbeitet habe. Aber ich denke auch, daß es diese Art von Preisen gibt, um der Welt die Leistungen Frankreichs zu zeigen. Persönlich bin ich an Macht überhaupt nicht interessiert.

Gibt es ein Parfüms, das sie gerne tragen möchten ?
Ich parfümiere mich so gut wie nie. Ich parfümiere mich, wenn ich abends etwas unternehme, daß heißt drei Mal im Jahr. Jedes Mal gieße ich dann ein ganze Flasche Cuir Mauresque über mich.

Gibt es einen Duft, den sie besonders mögen ?
Das hängt vom Augenblick ab. Ich mag den Duft, wenn er warm ist, den von meinem Rollkragen, wenn mir kalt ist. Ich erinnere mich an den Geruch von Benzin, als ich klein war. Ich mag den Geruch von Schmieröl. Von Oliven (Es gibt sehr gute Olivenöle in Marokko), von Buchsbäumen und von Brot. Das sind flüchtige Momente von Dufterlebnissen.

Haben sie eine Lieblingsblume ?
Wahrscheinlich die Rose. Aber für den Duft, für den Namen. Für das, was sie mit sich zieht.

Und was ist ihre Lieblingsfarbe ? Sie scheinen von Schwarz fasziniert zu sein…
Für mich ist Schwarz keine Farbe. Es ist… etwas. Ich weiß nicht, warum ich immer nur Schwarz trage. Aber ich war in diesem Ton das erste Mal mit mir zufrieden. Ich erinnere mich, als ich Kind war, daß man mir schwarze Schuhe gekauft hat. Ich war auf diese Schuhe sehr stolz, wegen ihrer Farbe. Neben der intimen Einsamkeit, die mir das Schwarz gibt, mag ich andere Farben. Ich liebe klerikale Farben. Wie zum Beispiel Violett oder Purpur. Mazarin, Richelieu… Ich hätte die Gifte für Katharina von Medici schaffen können.

Gibt es einen Künstler, dessen Werk sie fasziniert, einen Künstler, den sie gerne treffen würden ?
Die Menschen, die ich wirklich mag, möchte ich nicht treffen. Aber es hätte mir gefallen, die Les Demoiselles d’Avignon***** zu schaffen

Serge Lutens, was ist ihr Luxus ?
Luxus ist für mich etwas, das sofort eintrifft, augenblicklich. Ich würde also sagen: Lesen. Ein anderer Luxus: Der kurze Schlaf. Ich schlafe 10 Minuten, und wenn ich aufwache, ist es eine andere Stimmung. Ich bin sauber…

(*)15, square de Vergennes ist ein Gebäude, das von dem Architekten Mallet-Stevens für den Glaskünstler Louis Barillet gebaut wurde.
(**) Politiker der französischen Revolution, der der ‘Erzengel des Terrors' genannt wurde
(***) Von 1935 bis zu seinem Tod 1971 hatte Gabrielle Chanel ein Zimmer im Ritz.
(****) 2007 begrüßte das Kulturministerium das 'enorme Talent eines wahren Ästheten, eines Goldschmiedes der Sinne, eines außergewöhnlichen Bildermachers, der das Schöne zu seinem Lebensziel erklärt hat, und der nicht aufhört, andere Künstler zu inspirieren'.
(*****) Dieses schöne Bild von Picasso von 1907 wird im Allgemeinen als das erste kubistische Bild angesehen.