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Pierre Dinand, designer

Interview mit Pierre Dinand, Designer.
Von Julien Lévy

„Das Parfum ist ein schwer einfangbares Tier”

Pierre Dinand empfängt mich in seinem Büro in der Passage de l'Hirondelle in Paris. Er erklärt mir, dass dieses Gässchen im alten Paris den Namen einer Geliebten von Franz I. trägt, der für seine große Flatterhaftigkeit bekannt war. Sein Sohn Jérôme, mit dem er seit 1983 arbeitet, ist da, ebenso seine Enkel: zu Besuch, „hier wird in Familie gearbeitet”, sagt er lachend zu mir, womit er den Ton angibt.
Pierre Dinand ist fürs Parfum in etwa das, was Keith Richards für den Rock darstellt, nur in einem gesunden Sportlerkörper: schwarzes T-Shirt, langes und weißes Haar, immer das richtige Wort und einen Schalk im Nacken. Pierre Dinand hat direkt mit den größten Kreateuren zusammengearbeitet und über 500 Flakons hergestellt, von denen viele unsterblich geworden sind, genau wie er selbst. Zwei Stunden Anekdoten über die Geschichte des Parfums, mit Blick hinter die Kulissen von Seiten der Schauspieler; aus einer Epoche, die letztendlich gar nicht so lange her ist, in der jedoch alles anders war. Begegnung mit einer Legende....

Wie hat Ihre Karriere begonnen, woher haben Sie diese Berufung?
Ich bin mit 20 Jahren nach Indochina geschickt worden. Dank der Tatsache, dass ich Englisch und Deutsch sprach, erhielt ich einen Grad und damit die Gelegenheit, Architekturkurse an der Royal Art School of Cambodia zu belegen. Das war wie im Club Med, nur ab und zu mit Gewehrschüssen…Ich bekam dort vor allem die Gelegenheit, die Grenze zwischen der indischen und chinesischen Kunst zu studieren. Diese Fingerfertigkeit, die die Einheimischen haben, kleine Objekte zu formen. Hierher rührt sicher meine Vorliebe dafür, nach Raffinesse bei der Herstellung ziemlich kleiner Objekte zu streben... Meine Architektenausbildung war mir fürs Design sehr nützlich... ein Parfumflakon ist ein bisschen wie ein kleines Haus!
So hat alles angefangen und es hält seit 50 Jahren an... jetzt sagt man von mir, dass ich eine Legende sei.... (mit zweifelndem Gesichtsausdruck)

Ja, man sieht das überall, wie ist das, eine Legende zu sein?
Das sagen die Journalisten. Das soll nicht viel heißen... Die Legende besteht darin, mit so vielen großen Modeschöpfern, so vielen talentierten Kreateuren zusammengearbeitet zu haben....

Genau, wie war es denn eigentlich so zu Beginn, haben Sie schon sehr früh mit den ganz Großen gearbeitet?
Meine erste Kundin war Elsa Schiaparelli. Sie hat mir Hélène Rochas vorgestellt, die mich wiederum Balenciaga, Saint Laurent, Givenchy vorstellte… Ich habe direkt mit all diesen Größen zusammengearbeitet, es gab damals kein Marketing. Ich brauchte keine Werbung, zumal es den Beruf des Flakonkreateurs eigentlich gar nicht gab. Durch die Mundpropaganda wurde bekannt, dass sich ein junger Kerl für die Flakonherstellung interessierte... Das war ich. So hat alles angefangen.
Damals wurden die Modelle noch aus Gips gemacht (er zeigt mir einige der damaligen Gipsmodelle). Das war nicht sehr verkaufsfördernd... Deshalb kam ich zu den Kunden mit Modellen aus Plexiglas. Das war dann gleich viel spektakulärer... In einem solchen Ausmaß, dass ich sehr schnell eine Mechanikwerkstatt im Designstudio einrichtete, mit sämtlichem Werkzeug zur Bearbeitung von Plexiglas.
Das ermöglichte, innerhalb eines Tages die naturgetreue Nachbildung einer Idee anzufertigen, das war einfach toll.

Sie waren einer der Ersten, der mit amerikanischen Marken gearbeitet hat, wie kam das dazu?
Sehr früh, schon in den 60er Jahren, bin ich in die USA gegangen, um zu sehen, was dort so los war. Mein damaliger Chef, Albert Gosset (Chef von Rochas), sagte zu mir: „das lohnt sich nicht in die Staaten zu gehen, da passiert nichts”... In den department stores (amerikanischen Kaufhäusern, d.R.) entdeckte ich Produkte einer kleinen Firma, die Estée Lauder hieß und mir interessant erschien.... Ich habe ihm davon erzählt und er hat mir geantwortet: „Estée Lauder? Das klappt nie!” (Lachen), da sieht man wieder, dass die Franzosen viel zu Französisch denken!
Ich habe also angefangen, für amerikanische Unternehmen zu arbeiten, u.a. für das, wozu Saint Laurent gehörte (Gruppe Charles of the Ritz, d.R.). Übrigens war Rive Gauche ein Auftrag des amerikanischen Unternehmens, bevor es französisch wurde. Ich habe also ein Büro in den USA eröffnet, wo ich der Erste war, ohne Konkurrenz!

Und Frankreich bei alledem?
Es ist gar nicht so einfach „eine Legende” zu sein... Niemand ist Prophet in seinem Land, übrigens sind die meisten meiner größten Erfolge außerhalb Frankreichs entstanden... Ich habe für die Gruppe Puig gearbeitet (ein spanisches Unternehmen, dem Paco Rabanne gehört), hauptsächlich für das Parfum Calandre. Damals war die Peseta (spanische Währung, d.R.) nicht umtauschbar, ich konnte nicht bezahlt werden oder das verdiente Geld musste in Spanien ausgegeben werden.... Aber das war egal, meine Kunden waren nett, die Projekte faszinierend!
Es gab nur wenig tauschbare Devisen zu dem Zeitpunkt, was ein echtes Problem darstellte, wenn man eine Tätigkeit hatte, die hauptsächlich auf Export basierte.... Ich habe auch lustige Abenteuer mit russischen Kunden erlebt, die mich mit Waffen bezahlen wollten! Ich habe mich jedoch nie darauf eingelassen...
Auf ähnliche Weise wurde ich in den 70er Jahren, nach dem Erfolg von Paco Rabanne für Männer von China nach Peking und Shanghai beordert, um für sie zu arbeiten. Sie bezahlten mit Reissäcken!
Amüsante Geschichten…

Ok, wir machen ein Spiel, ich lasse Sie ein Parfum riechen und Sie erzählen mir von seinem Flakon:
Das passiert mir zum ersten Mal!
!!!

Madame Rochas 1960
Mein erster Flakon... Damals wurde der Stöpsel einfach nur auf die Flakons aufgelegt, wodurch die Benutzung sehr unbeweglich war. Ich habe gespürt, dass die Frauen sich weiterentwickelten. Das brachte mich auf die Idee, zu Desjonquères, einem Flaschenfabrikanten, zu gehen (ein Glaser, der von Saint-Gobain aufgekauft wurde), um ihm die Produktion eines Parfumflakons mit Schraubverschluss vorzuschlagen. Wir haben ihn herausgebracht und es wurde letztendlich der erste industrielle Flakon, fast ebenso schön wie ein handgearbeiteter Flakon, aber funktioneller, praktischer und viel günstiger in der Herstellung.

Eau Sauvage 1966
Mit Edmond Roudnitska zu arbeiten, war eine eigenartige Erfahrung! Wir verstanden uns sehr gut, aber er war absolut unflexibel, was seine Parfums betraf..... wenn ihn ein Kunde um eine Änderung bat, welcher Art auch immer, lehnte er sie ohne zu diskutieren ab, kurz davor, seine Kreation zurückzunehmen. Man nahm es oder ließ es bleiben! Die Geschichte und der Markt haben ihm im Endeffekt Recht gegeben. Durch Eau Sauvage wollte Dior mit Moustache von Rochas konkurrieren, so sehr, dass der ursprüngliche Name von Eau Sauvage eigentich Favori sein sollte, der die drei für die Marke so wichtigen Buchstaben i, o und r beinhaltete. Dior wollte es zu einer Art „Super-Moustache” machen! Letztendlich wurde der Name doch nicht gewählt...

Calandre 1968
Bei diesem Flakon habe ich galvanisierten Plastik verwendet, der den Konturen einen Eindruck von Metall verlieh. Es wäre unmöglich, dasselbe mit „echtem” Metall zu machen. Es ist dieselbe Technik, die in der Automobilindustrie für die Autologos auf der Kühlerhaube benutzt wird. Mir hat es schon immer gefallen zu verstehen, wie die Dinge gemacht werden; das war auch bei meinem damaligen alten Volkswagen so... das hat mich auf die Idee gebracht...

Opium 1977
Ein sehr riskantes Projekt, wir hätten auch gut einen Flop landen können; auf dieses Projekt bin ich am stolzesten. Irgendwann im September 77, ich war in einer Kundenbesprechung, rief mich der damalige Präsident von L'Oréal an, um mir zum Opium-Flakon zu gratulieren, der gerade herausgekommen war. Ich hatte an diesem Projekt lange vorher gearbeitet und hatte absolut nicht damit gerechnet! Er fragte mich, ob wir uns treffen könnten... in 5 Minuten! Er kam - sage und schreibe - 5 Minuten nach seinem Anruf in Begleitung seiner ganzen Garde und bat mich, an einem Projekt für die Marke Lancôme zu arbeiten. Magie Noire kam 6 Monate später heraus, was extrem schnell für die Entwicklung eines Parfums war.

Obsession 1984
Die Geschichte dieses Flakons ist amüsant. Ich habe von jeher Hockey gespielt. Eines Tages bei einem Golfspiel - ich war nicht besonders gut im Golf! - schlug ich, Reflex eines Hockeyspielers, den Ball ein wenig zu stark ab... so stark, dass der Ball zerbrach! Ich sah im Inneren des kaputten Balls eine Art Murmel in einem Material, das ich nicht kannte, eine Art Plastik, das Glas sehr stark ähnelte. Es erschien mir durch seine Härte und Transparenz das ideale Material zur Herstellung von Parfumflakons... Der Ball war von Dupont de Nemours. Ich setzte mich mit ihnen in Verbindung und bat sie um eine Materialprobe, um es zu erforschen. Es war eine Art Kunstharz, das Surlyn... Sie haben mir 100kg geschickt!
Wir haben es benutzt, um dem Flakon den Aspekt von „hellem Schildpatt” zu verleihen. Es stellte sich heraus, dass das Surlyn gar nicht so bewegungslos war und die Farbstoffe des Parfums absorbierte... Wir haben es also danach mit einer vollkommen undurchlässigen Substanz überzogen… Die Kehrseite der Innovation ist, dass man erst mal die Pionierarbeit leisten muss!
Das Parfum ist ein schwer einfangbares Tier…

Pleasures 1995
Madame Lauder besaß eine unglaubliche Persönlichkeit. Sie hatte die Idee, den Cabochon quer zu positionieren, d.h. leicht gedreht, als wäre er im Dreiviertelprofil. Damals hatte Estée Lauder die Direktorin der Parfums Calvin Klein eingestellt, mit der ich u.a. Obsession entwickelt hatte, um diesen Erfolg nachzuproduzieren. Sie soll ihr gesagt haben, dass die einzige Möglichkeit, einen großen Erfolg zu erzielen, die Zusammenarbeit mit Pierre Dinand wäre!