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Die Berufe der Parfümbranche : Stéphane Piquart, Großhändler für Duft-Rohstoffe

« Um neue Rohstoffe zu entdecken, muß man diplomatisch und ausdauernd sein. »

Stéphane Piquart geht wie ein Jäger der Essenzen auf die Suche nach Rohstoffen für Parfüms. Er versucht den seltenen Duft zu entdecken, den die Parfumeure in ihren zukünftigen Kreationen verwenden werden. Spezialisiert ist er für 'nachhaltige und faire' Zutaten. Hier spricht er uns vor allem von einem Rohstoff, der sinnbildlich geworden ist: australisches Sandelholz.

Stéphane Piquart, wie definieren sie ihren Beruf ?
Ich bin Großhändler für natürliche Rohstoffe, die die Umwelt respektieren und von den Herstellern im fairen Handel erworben werden. Es geht darum, neue Rohstoffe zu finden, die die Parfumeure und Marken interessieren könnten. Dazu müssen Sicherheitskriterien eingehalten werden und die Versorgung auf lange Sicht garantiert sein. Zudem soll das in einem gewissen Einklang zwischen Produzenten und Benutzern stehen.

Wie sind sie dazu gekommen ?
Es sind zunächst Begegnungen. Mit meinem australischen Freund, Steve Birkbeck, konnten wir ein neues, australisches Sandelholz als unumgänglichen Rohstoff für die Haute Parfümerie einführen. Damit haben wir den Weg bereitet für die Nachhaltigkeit und den Respekt für die einheimische Bevölkerung, in dem Fall die Aborigines. Nach dieser Erfahrung wünschten wir weiterhin neue Rohstoffe für diesen spezifischen Markt zu entwickeln und ich habe meine eigene Firma gegründet. BeHave* bietet neue Rohstoffe an, die umweltfreundlich sind und die produzierende Bevölkerung respektiert. Unter diesen neuen Rohstoffen ist Myrrhe aus Namibia oder das Gold der Himbas, ein neues Ylang Ylang, das in weniger als 1 Stunde destilliert werden kann. Auch grüne Vanille gehört dazu.

Wie sieht das im Alltag aus ?
Der gestaltet sich so, daß ich Produzenten von neuen, natürlichen Rohstoffen treffe, die den Markt interessieren könnten. Ich kontrolliere, ob ein Bedarf an dem Duft besteht, ob der Stoff nicht giftig ist, das potentielle Produktionsvolumen, ohne die Natur zu beschädigen. Es muß der faire Preis gefunden werden und die Bezahlung der Produzenten gesichert sein. Dazu muß man mit ihnen über eine totale Transparenz und eine Weitergabe der erzielten Ergebnisse einig werden. Man kann nur mit den Nichtregierungsoranisationen ein 'Großhändler von neuen Rohstoffen' sein. Mit denen arbeite ich zusammen und sie achten auf die Einhaltung der Auswahlkriterien von BeHave. Außerdem muß man sich mit den Parfumeuren und den Marken austauschen, damit ich ihren Bedürfnissen nachkommen kann. Wegen ihnen kann ich die Nachfrage des Marktes orientieren.

Der menschliche Aspekt scheint genauso wichtig zu sein, wie die Rohstoffe selber. Können sie uns den Kontakt, den sie mit den lokalen Produzenten pflegen, erklären ?
Ein besonderes Verhältnis zur Lokalbevölkerung ist die Voraussetzung die Probleme und Erwartungen der einen oder anderen zu verstehen. Denn, das was gerecht für den einen ist, muß nicht unbedingt auch für den anderen fair sein. Zunächst muß man zuhören und sich die wichtigen Elemente austauschen. Man sollte aber auch wissen, wie und ob man die Traditionen benutzt, und ob Rohstoffe juristisch gesichter sind. Die Benutzung des Hoodia** zum Nachteil der Bushmen*** vor einigen Jahren ist ein abschreckendes Beispiel, das man berücksichtigen sollte. Man braucht auch viel Diplomatie und Ausdauer um mit neuen Rohstoffen Erfolg zu haben. Deswegen versuche ich, mit mehreren Rohstoffen zugleich zu arbeiten, die den einen oder anderen Stamm betreffen, um ihnen ein Einkommen in der Zukunft zu sichern. Das ist ein Risiko. Wir kennen nicht den Erfolg oder den Mißerfolg dieser Entdeckungen. Meine Rohstoffe, die von BeHave repräsentiert werden, sind ohne Zweifel teurer aber sie enthalten einen Mehrwert, der den Preis rechtfertigt.

Was kann die lokale Bevölkerung dabei gewinnen ?
Eine bessere Bezahlung. Zunächst ist der Kaufpreis nicht mit dem Preis anderer Rohstoffe vergleichbar. Und weil wir keinen Zwischenhändler haben können wir sie zu einen interessanten Preis anbieten. Zweitens, kann ich ihre Zukunft gestalten und sichern, weil ich über die möglichen Erfolge oder Mißerfolge sehr offen bin und ich außerdem an mehreren Rohstoffen gleichzeitig arbeite. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor für alle Beteiligten. Da wir auf lange Sicht arbeiten, verpflichtet sich BeHave ab sofort Resultate zu liefern, die zwar länger brauchen, dafür aber sicherer sind.

Machen ihre Kunden und Partner mit ?
Es gibt natürlich diese Bewegung der Nachhaltigkeit, die unsere Wirtschaft erfaßt hat. Jeder will davon profitieren ohne einen gerechten Preis zu zahlen. Es gibt aber Marken, die nicht unbedingt neu sind, wie zum Beispiel Aveda oder Natura. Die haben das in ihren Genen und arbeiten weiterhin mit dieser Philosophie. Daneben gibt es auch eine Reihe von Marken, die ihr Stück von diesem neuen Kuchen haben möchten, aber nur einen oberflächlichen Preis bezahlen wollen. Sie wollen sich nur die Kirsche herauspicken. Ich mußte mich bereits von Verpflichtungen zurückziehen, weil die Marke wegen der Wirtschaftskrise ihre Meinung geändert hatte. Trotzdem konnte ich meine Einkäufe an Rohstoffen erhöhen, um meine Produzenten zu unterstützen. Deswegen suche ich ständig neue Partner, um das Risiko, aber auch den Erfolg zu teilen.

Welche Rohstoffe mögen sie am meisten ?
Ich liebe Rohstoffe, die für mich einen Sinn haben. Zunächst solche, die einen nachhaltigen Duft besitzen, wie das Sandelholz, die Myrrhe oder den grauen Ambra. Ich mag auch Gerüche, die Gefühle vermitteln, weil sie eine Reiseerinnerung repräsentieren. Das sind die Begegnungen mit den Aborigines oder den Himbas. Zur Zeit arbeite ich an einen besonderen Rohstoff, der eine reiche Tradition und einen wunderbaren Duft von Weihrauch und Benzoe besitzt. Ich arbeite zur Zeit auch an eine andere Zutat, die bereits in der Parfümerie verwendet wird, aber in einer Art, wie man sie vor 50 Jahren benutzte. Der Enkel eines großen Parfumeurs hat mir das Rezept verraten…

Können sie uns von dem australischen Sandelholz sprechen: das Konzept, seinem Duft und die Art wie er von TFS und Mount Romance**** angebaut wird ?
Das australische Sandelholz ist kein neuer Rohstoff im eigentlichen Sinne, weil er seit sehr langer Zeit benutzt wird. Aber er war wegen des indischen Sandelholz aus der Palette der Parfumeure verschwunden. In Australien gibt es ihn in großer Anzahl. Der Rohstoff, der seit Tausenden von Jahren von den Aborigines benutzt wird, ist wegen der massiven Entwaldung der Sandelholzwälder in Indien wieder aktuell geworden. Um dem Problem der Entwaldung entgegenzuarbeiten, haben meine australischen Freunde von Mount Romance beschlossen zwölf Bäume für einen gefällten Baum zu pflanzen und einen Teil von ihrem Profit den Aborigines zu geben. Im Norden von Australien pflanzen sie den Santalum Album****. Heute gibt es wieder australisches Sandelholz auf den Paletten der Parfumeure und kann ohne Zurückhaltung benutzt werden. Der ganze Baum wird benutzt. Die Destillation mit Wasserdampf benutzt den Holzabfall (um das Wasser zu heizen, AdR) und das Wasser wird wiederverwendet. Für die Früchte des Sandelholzbaum hat man vor kurzem eine interessante Verwendung gefunden, die die kosmetische Industrie ansprechen könnte. Das indische Sandelholz***** wird ab 2012 verfügbar sein. Es wurde 1999 gepflanzt und erstreckt sich am Ende des Jahres auf eine Fläche von 4.000 Hektar. Man entwickelt ein neues Modell um einen Prozentsatz des Umsatzes, um einen Rohstoff aus Indien in Australien pflanzen zu können. Das zur Verfügung gestellte Geld wird eine lokale, indische NGO helfen, Kindern aus den Minen herauszuholen, ihnen eine Schulausbildung zu geben und den Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit zu ermöglichen.

In welchen Marktprodukten kann man die Rohstoffe ‘éco-friendly’, nachhaltig und aus fairem Handel finden ?
Man findet sie bei Hermès in ‘Voyage d’Hermès’ und ‘L’Eau des Merveilles’. Aber auch in ‘Arpège pour Homme’ von Lanvin, ‘Voile d’Ambre’ von Yves Rocher oder dem Parfüm Quiksilver. Man findet sie auch in den Kosmetiklinien Kiotis (Yves Rocher Konzern) oder in der Produktlinie Cade de L’Occitane.

Was sind ihre Pläne für die Zukunft ?
Als nächstes stehen neue Projekte in Afrika und Neuseeland und eine Partnerschaft über zwei existierende Essenzen an: das indische Sandelholz mit meinen Freunden von TFS und neue australische Produkte.

(*) Eine Zusammenfügung von 'sein' (be) und 'haben' (have), behave bedeutet auch 'sich gut verhalten'.
(**) Die Hoodias sind köstliche Pflanzen, die in Wüstenzonen wachsen. Das Hoodia Gordonii, das in Südafrika wächst, ist eine Pflanze, die von einigen Labors für ihre angeblich appetitstillenden Eigenschaften sehr gefragt wird, aber die Art steht unter Naturschutz.
(***) Die Bushmen, (Buschmänner) werden im Deutschen auch die San genannt. Diese Nomaden gelten als die ältesten Einwohner des südlichen Afrikas.
(****) Der TFS Konzern ist der weltweit größte Lieferant von Sandelholz. Die Firma Mount Romance ist eine Unterabteilung des Konzerns. Sie ist auf die Destillation zur Produktion des ätherischen Öls des Sandelholz spezialisiert.
(*****) Santalum Album, wörtlich 'weißes Sandelholz', ist der botanische Name für das Sandelholz aus Indien. Die australische Sandelholzart trägt den botanischen Namen Santalum Spicatum.
(******) Es handelt sich um eine Art aus Indien, die aber in Australien angebaut wird.