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Die Berufe der Parfümbranche : Ann Gottlieb

« Wenn ich meinen Duft bei jemandem auf der Straße rieche, ist das für mich ein Augenblick des Glücks… »

Ann Gottlieb ist Amerikanerin. Während ihrer langen Karriere hat sie mit zahlreichen Parfümmarken zusammengearbeitet und für diese mehrere internationale Bestseller geschaffen. Sie ist das Verbindungsglied zwischen den Marken und den Parfumeuren und man kann sie mit einem Orchesterchef vergleichen. In einem langen Interview erzählt Ann Gottlieb osMoz über ihren Beruf und ihrer Einstellung zu Parfüms.

Welches der zahlreichen Parfüms, die sie in ihrer Karriere geschaffen haben, macht sie besonders stolz ?
Viele Parfüms, an denen ich gearbeitet habe, machen mich stolz. Ich denke, daß alle Parfüms an denen ich mitgewirkt habe, 'meine Kinder' sind. Für mich ist es genauso schwierig ein einziges auszuwählen, wie es für eine Mutter ist ! Viele liebe ich sehr, aber aus unterschiedlichen Gründen… Einige, weil sie Ikonen geworden sind, andere ganz einfach weil ich sie besonders mag und ich sie selber gerne trage. Das Parfüm, das man bei meiner Grabrede loben wird: cK one ist natürlich ein Parfüm, auf das ich sehr stolz bin; Daisy und Lola von Marc Jacobs sind für mich natürlich auch sehr wichtig… J’Adore von Christian Dior, Euphoria von Calvin Klein, 212 von Carolina Herrera (für Männer und Frauen). Das sind alles originelle Düfte, die von Anfang an erfolgreich waren und auch heute noch gefallen. Und dann muß ich mich in der Produktlinie für Sprays von Axe dazuzählen. Es ist ein Format, die sich gut verkauft hat und ich bin stolz auf die Düfte der Linie von Axe. Innerlich lache ich, weil ich mir sage, daß eine Großmutter die Parfüms für jugendliche Männer entwickelt und das sich dabei eher gut bin !

Sollte man also ihre Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen anerkennen… Wie definieren sie ihre Tätigkeit ? Was tun sie ihrer Meinung nach ? Oder wenn sie auf einem Fest eingeladen sind und man sie fragt, « Was ist ihr Beruf ? »… was würden sie sagen ?
Wenn man mich fragt, 'was ich tue', werde ich sicher antworten, daß ich Parfüms entwickele… Aber ich mag es mehr, wenn man sagt, daß ich Bilder in Düfte umsetze, denn Entwicklung und Kreation geschehen niemals im luftleeren Raum. Ich 'rieche' sehr strategisch, während ich bei dem Schaffensprozeß des Parfüms ein Bild von dem Konzept des Duftes im Kopf haben muß. Ich glaube deswegen nicht nur eine 'Nase' als solche zu sein. Ich denke, daß ich viel mehr bin… Oder wenn ich eine Nase bin, dann eine sehr strategische !

Was ist für sie an ihrem Beruf am Aufregendsten ?
Verschiedene Aspekte meines Berufs sind sehr interessant. Einer der einfachsten erlebe ich, wenn ich auf einer Straße spazierengehe und ich eines meiner Parfüms bei jemandem rieche: Das ist für mich immer ein Augenblick des Glücks, fast wie ein Rausch… Und das ist wirklich faszinierend. Dazu gehört auch, wenn ich von den Wirkungen meiner Arbeit höre - vor allem zu erfahren, wie viele Menschen ein Parfüm, an deren Entwicklung ich geholfen habe, gemocht haben - und zu wissen, daß ich Menschen glücklich mache kann. Das ist wirlick ein wunderbarer Aspekt meiner Arbeit.

Wie sind sie zu ihrem Beruf gekommen ? Wo und wie hat es angefangen ?
Ich verdanke die Entwicklung meiner Karriere einigen glücklichen Umständen - und auch einer unterschwelligen Vision, die ich besessen habe. Ich habe mich auf etwas zubewegt, aber die Art und Weise, wie es geschah, war zufällig ! Ich hatte einen Universitätsabschluß für Buchhaltung und als ich angefangen hatte als Buchhalterin zu arbeiten hatte mir das überhaupt nicht gefallen ! Dann hatte ich ein Vorstellungsgespräch und ich hatte das Glück bei Estée Lauder anfangen zu können. Das Team, das neue Produkte entwickelte, suchte jemanden und ich wurde dort hingeschickt. Das hat mein Leben verändert, denn ich lernte zwei Mentorinnen kennen - und ich glaube, daß Mentoren in einer Karriere sehr wichtig sind. Einer von ihnen war Estée Lauder selber, und die andere war meine direkte Vorgesetztin, Annette Golden. Beide sahen in mir ein Talent, von dem ich selber keine Ahnung hatte - das Talent eine gute Nase zu besitzen. Madame Lauder hat mir zahlreiche Möglichkeiten zum Riechen gegeben und ich habe Parfüms mit ihr entwickelt. Ich muß wohl ihren Anforderungen gut entsprochen haben, denn ich bekam immer mehr Arbeit und so haben wir schließlich gemeinsam Parfüms entwickelt, die zu der Zeit, als ich dort gearbeitet habe, entstanden sind: Private Collection und Alliage. Danach habe ich mehrere Posten in großen Firmen gehabt - bei Revlon und Elizabeth Arden - und dann ein bißchen durch Zufall habe ich vor 25 Jahren entschieden meine eigene Firma zu gründen, ohne eine wirklich konkrete Vorstellung davon zu haben. Und das war der größte Glücksfang meiner beruflichen Karriere. Der erste Duft, das ich in meinem neuen Beruf als Parfüm Consultin entwickelt habe, war Obsession pour Femme von Calvin Klein (es kam 1985 heraus).

Das ist natürlich ein außergewöhnlicher Start ! Können sie uns von einem der besten Erinnerungen ihrer Karriere, ein besonderer Augenblick, den sie nicht vergessen haben, erzählen ?
Dafür gibt es für mich nicht den geringsten Zweifel: Das war, als ich den Preis ‘Circle of Champions’ (Kreis der Champions) erhielt. Dieser Preis wird nur einmal pro Jahr von der Fragrance Foundation vergeben und es ist der Rat der Fragrance Foundation in New York, der den Gewinner bestimmt. Ich wurde also von einem Rat von meinesgleichen, im wörtlichen Sinne, ausgewählt. Und das war eine bewegende Anerkennung für meine Karriere, die ich nie vergessen werde. Es war ganz einfach das wichtigste Ereignis in meinem professionellen Leben und das Besonderste zugleich.

Was sind ihre bevorzugten Rohstoffe ?
Mein Lieblingsrohstoff ist wahrscheinlich Vanille. Ich liebe auch fruchtige Noten. Ich glaube, daß ich viel zu dem Trend der fruchtigen Noten in den 90er Jahren beigetragen habe. Eines der Gründe dafür, lag in der Firma, die Bath & Body* hieß: Ich hatte das Glück die erste 'Nase' für diese Marke zu sein. Die ersten vier Jahre war ich für alle Parfüms, die sie für ihre Geschäfte herausgaben, verantwortlich, und auch für die ihrer Schwesterfirma Victoria Secret**.

Bath & Body Works ist ein großer Produzent von duftenden Produkten. Da wird man auf viele erfolgreiche Duftprodukte von ihnen kommen, oder ?
Oh, ich habe gar keinen Zweifel daran, daß die Kaliber und die Art der Parfüms, die sie herausgaben, dank meiner Arbeit für sie zustandekam. Das war übrigens eine Art 'professioneller Fehler'. Daß heißt nicht wirklich ein Fehler, aber… Ich hatte die Gewohnheit, nur noch Düfte der Haute Parfümerie zu riechen, als ich engagiert wurde ihre Linie für Pflegeprodukte zu entwickeln. Ich wußte nichts mehr anderes zu tun, als das was ich in der Haute Parfümerie tat. So sind die Pflegeprodukte auf ein andres Niveau gehoben worden. Und die Vorherrschaft der Früchte in diesen Produktlinien hat dann einen wichtigen Einfluß auf die großen Parfüms gehabt. Das war wirklich ein sehr gutes Beispiel für die Inspiration 'von unten nach oben' !

Die Dufte, die sie für diese Marke entworfen haben, hatten also einen wichtigen Einfluß auf große Parfüms?
Genau, und da die Initialen B.B.W. überall in Amerika zu sehen sind, haben die Menschen überall den Geruch von Früchten, wie Erdbeeren, gerochen. Das waren Gerüche, die vor allem die Frauen bis dahin eher als abstoßend empfanden. Diese fruchtigen Noten fand man anschließend überall wesentlich stärker ausgeprägt. Und die Menschen haben angefangen, diese Düfte zu lieben.

Gibt es aber Rohstoffe, die sie nicht gerne benutzen ?
Es gibt eine Reihe von Rohstoffen oder Düften, die ich nicht 'ertragen' kann, wenn ich sie in einem Parfum rieche. Es ist so, als ob sie auf dem Flakon eine verbotene Linie ziehen ! Die Parfumeure wissen, daß wenn die Note in einem bestimmten Duft enthalten ist und sie eindeutig zu riechen ist, diese nicht für mich ist. Einer dieser Noten ist Honig, eine andere schwarze Johannisbeeren. Zu dieser Art von Noten gehören seltsamerweise auch die Pampelmuse und der Pfirsich: Sie besitzen diesen säurigen Aspekt, der mich an körperliche Gerüche erinnert.

Sind einige Noten oder Akkorde für sie verführerischer als andere ?
Natürlich. Ich glaube sehr an die Idee einer starken Verbindung zwischen 'dem was in ihren Mund, und dem was in ihre Nase kommt'. Die geschmackvollen, köstlichen und süchtig machenden Noten in einem Parfüm, sind dafür verantwortlich, daß sie es mögen und es ausgezeichnet und verführerisch finden.

Wie sehen sie die Zukunft der Parfüms ? Was sind ihre Hoffnungen für die Zukunft und was sind ihre Sorgen ?
Heute ist unsere Industrie an einem Punkt angekommen, wo wir zwar uns nicht neu erfinden, uns aber weiterentwickeln müssen. Wir wissen, daß die Geschäfte nicht sehr gut laufen und das schon seit einiger Zeit. Außerdem hilft uns auch die wirtschaftliche Situation nicht. Aber auch wenn wir wissen, daß bestimmte Konsumenten unsere Produkte nicht mehr kaufen, hoffen wir trotzdem, sie in unser Universum zurückzuführen. Für mich sind Parfüms magisch. Sie verbreiten gute Laune, wenn es mir schlecht geht, und machen mich glücklich. Ich weiß, daß sie auch für andere Menschen, die es wirklich brauchen, diese Wirkung haben können. Wie müssen ein Mittel finden, diesen Eindruck wieder lebendig werden zu lassen - so wie wir es vorher gemacht haben - wir haben es nur verlernt.

Was müßte man ihrer Meinung nach also tun, um die Aussichten der Parfüms zu verbessern ?
Ich denke, daß wir ein Mittel finden müssen, um die Konsumenten besser zu verstehen und um zu verstehen, warum wir ihnen nicht das liefern, was sie sich wünschen. Wir sollten wissen, was sie statt dessen kaufen (und sie erregt und glücklich macht). Und wir sollten prüfen, was unsere Industrie richtig macht und was nicht. Der einzige Weg, um das alles zu wissen, liegt darin, zu den Personen zu sprechen, die wir gewinnen wollen.

Haben sie eine verrückte Idee, um das Parfüm mitzuteilen, etwas, von dem sie wünschen, das es passiert ?
Ja. Die verrückte Idee wäre, daß die Marken sich weniger um die Finanzen kümmern und sich mehr Gedanken darüber machen, daß sie ein Produkt anbieten, das magisch ist. Damit die Konsumenten den Eindruck haben, daß sie etwas Magisches erhalten. Wenn wir das schaffen, werden wir am Ende auch mehr Parfüms verkaufen !

Und zum Schluß die Frage: welches Parfüm tragen sie normalerweise ?
Also im allgemeinen trage ich ein Parfüm an dem ich gerade arbeite. Den ich prüfe sie andauernd ! Ein Parfüm auf der Haut, anstatt nur auf einem kleinen Tuch zu testen, ist sehr wichtig. Wenn man ein Parfüm kauft, trägt man es auf der Haut und unsere Haut ist ein grundlegendes Element für die Wahrnehmung eines Parfüms ! Dagegen trage ich nur selten ein Parfum, das bereits verkauft wird, es sei denn ich habe es selber geschaffen. Ein Teil von dem Wert, den ich für meine Kunden schaffe, liegt in meinem Duftgedächtnis. Also abgesehen von den Parfüms oder Düften, die ich geschaffen habe und trage, halte ich mich über neue Düfte auf dem Markt auf dem Laufenden. Nur wenn ich wirklich in einer ruhigen Phase bin, wenn ich wirklich entspannt bin, könnte ich Guerlain tragen. Das ist etwas, was seit langem existiert und das ich gerne benutze, aber zu dem ich heute kaum noch Gelegenheit habe…

Wie zum Beispiel ?
Chamade. Ich liebe auch einige Parfüms von Chanel, wie Beige, das in Wirklichkeit ein Retro-Parfüm ist, das sie neu herausgegeben haben. Die Parfüms, die ich sehr gerne trage, haben einen Duft von sehr hoher Qualität. Parfüms zu entwerfen ist eine Kunst und wir Parfumeure sind wunderbare Künstler, die wirklich sehr schöne Werke vorstellen können, unter der Voraussetzung, daß wir auch wunderbare - und oft auch sehr teure ! - Rohstoffe verwenden dürfen.

(*) Bath & Body Works ist eine amerikanische Marke für Schönheitsprodukte. Sie hat ein großes Angebot für ein breites Publikum wie Avon oder Yves Rocher.

(**) Victoria’s Secret ist eine Marke für Damenunterwäsche. Victoria’s Secret hat auch eine große Auswahl an Parfüms.