Meine erste Begenung mit ihm verdanke ich wahrscheinlich Youth Dew von Estée Lauder. Ich vermue es, denn als ich (Ende der 70er Jahre) systematisch alles in meinem Gedächtnis speicherte, was mir in die Nase kam, lernte ich Aromatics Elixir (Clinique), Alliage und Cinnabar (Lauder) kennen, die mich begesiterten…
Youth Dew ist mir mehr im Gedächtsnis gehaftet geblieben, als die anderen, weil sein Name für Jugendliche, zu denen ich noch gehörte, unaussprechlich ist. Ausserdem wollte ich nicht wie alle anderen sein (das ist so typisch französisch, vor allem in dem Alter), und hatte Deutsch und Russisch in der Schule gelernt. Abgesehen von von seinem Geruchscharakter, den ich mehr mit dem Stil einer Epoche verband, als mit einer Kultur oder einer Geographie, war ich von dem Image von Youth Dew beeindruckt. Es war das Amerika der 50er und 60er Jahre, mit seiner Macht und seiner Freiheit, die dazugehörte. Weiblichkeit konnte (fast) ohne Tabus ausgelebt werden, von dem Pin Up Girl in der Badewanne, bis zu der Frau mit Katzenkrallen… Estée Lauder, Ralph Lauren, Calvin Klein und einige andere haben diesen Mythos bis Ende der 70er Jahre aufrecht erhalten. Giorgio von Beverly Hills führte ihn zur Apotheose. Amerika war immer schon eine Glitzerwelt, seine Parfums waren furchtlos, und ich brauchte fast 20 Jahre, um zu verstehen, daß diese Parfumerie, auf der ich etwas zu arrogant herabschaute, auch Charakter, Unverfrorenheit und vor allem etwas Neues besitzen konnte, gerade wenn sie mit ihren vorurteilsfreien Düften im alten Europa landeten.
In Frankreich war die hohe Eleganz immer noch im Bermudadreieck zwischen Guerlain, Chanel und Dior angesiedelt. Wir hatten auch provozierende Parfums und Paris war immer noch das Zentrum der Welt !
Anschließend war es mein Fehler, daß ich mich nicht für die Parfums aus Amerika interessierte… Es gab eine Überdosis an Blumen, neue aquatische Mischungen, eine Welle von Calone… In den 90er Jahren herschte die politische Korrektheit mit Parfums, die "gut riechen, und niemanden stören", und da habe ich mich schrecklich gelangweilt ! Und nicht nur mit den Düften aus Amerika… Es lohnte sich auch nicht mehr Unterscheidungen zu treffen: Die Parfumerie hatte sich über den Atlantik vereinheitlicht und sich von allem verabschiedet, was für mich Ausruck oder Provokation besitzt. Sie entfernte sich vor allem von dem französischen Wunsch des "guten Geschmacks", der Orginalität und der technischen Perfektion.
Im Nachhinein würde ich sagen, daß ich von einer Vorstellung der schönen Amerikanierin zwischen Pretty Woman und Wonder Girl zu vagen Düften gekommen bin, die in Fahrstühle passen und an Shampoos, Schaumbäder oder Duschgels (der Oberklasse, versteht sich) erinnern ! Ich muß natürlich zugeben, daß ich die Absichten dieser Parfumerie von dem Ende des 20. Jahrhundert nicht verstanden habe. Nicht von den wirtschaftlichen Aspekten her, natürlich, selbst ein zwölfjähriges Kind kann das verstehen, aber kulturell. Die Idee, Parfums herzustellen, die allen gefallen, sowohl in Europa, als auch in Amerika und selbst am Ende der Welt, schien mir (und so ist es noch heute) völlig absurd…
Zum Glück sind zu Beginn des 3. Jahrtausends die Mentalitäten durcheinandergekommen. Während die Blockbusters unter den Parfums den Markt beherrschten, kam eine neue Richtung auf: so gab es immer mehr sogennanten "Nischenparfums" in Frankreich und dann in den USA… Ihnen wurde vorgeworfen einen zu kleinen Markt anzusprechen, zu amateurhaft zu sein, ökonomisch keine Zukunft zu besitzen und alleine die Medien anzusprechen (man hat viel über sie gesprochen). Sie galten vor allem als experimentelle Parfumerie und man hat für sie keine Zukunft gesehen ! Für die Fans untypischer Düfte, zu denen ich gehöre, war es aber ein Licht am Ende des Tunnels. Ich möchte nicht auf die Vorwürfe, die ihnen gemacht wurden, eingehen, einige waren gerechtfertigt, aber das ist eine andere Frage. Es ist sicher, daß die Nischen die Kreativität der Marken und der Parfumeure gesteigert haben, indem sie ihnen neue Duftdimensionen eröffneten. Endlich gab es Alternativen ! Da war aber nicht ihre einzige Tugend und darauf möchte ich näher eingehen. Weil die kulturellen und künstlerischen Unterschiede bei Parfums, die persönlichen Geschmäcker und die Duftunterschiede auf der kleinsten Ebene wieder berücksichtigt wurden, halfen die Nischen den ewigen Konflikt zwischen französischen, amerikanischen und auch anderen Parfums zu entschärfen, der von den großen Marken gefördert wurde.
Die Initiative von Sniffapalooza, eine New Yorker Gruppe von Parfums-Fans, die sich grenzüberschreitend ausweitet, entspricht dem Wunsch die Konkurrenz von Bereichen oder Marken außer Acht zu lassen. Man interessiert sich hier nur für die Parfums als solche. Es ist eine Gruppe von interessierten Amateuren und Konsumenten, die Parfums ohne Vorurteile kennenlernen wollen und mit Neugier und Leidenschaft Informationen austauschen. Das alles hat uns zusammengebracht ! Ich wäre nicht in der Lage eine Liste mit den besten "Nischen" Amerikas aufzuschreiben, aber wenn ich unter anderem die Leistung von "Labo", Demeter oder Bond n°9 bedenke, und dazu die Arbeit von Lauder für Sensuous oder Tom Ford für Private Blend hinzudenke, habe ich vor der Zukunft, was die Düfte, die Grenzen und kulturellen Unterschiede, die uns trennen, anbelangt, weniger Angst. Ich weiß, daß ich den Atlantik mit einem Duft überqueren kann und auf der anderen Seite Frauen finde, die mir ähneln und mit denen ich, abgesehen von der Sprache (die ich immer noch nicht perfekt beherrsche, aber ich gebe mir Mühe), meine Liebe zu Parfums teilen kann. Und jetzt Anfang November 2008 wo Amerika in eine neue historische Epoche kommt, macht es mir Freude, es noch sagen zu können…
Fabienne ANTONIEWSKI Parfum-Journalistin
Vom Marketing zum Journalismus – die Welt der Schönheit ist seit zwanzig Jahren der Leitfaden ihrer professionellen Laufbahn.
Seit 1995 ist sie regelmäßige Mitarbeiterin der Rubrik Beauté im Magazin Elle. Mit Hilfe des Schreibens schafft sie eine Verbindung zu ihrer vorangigen Leidenschaft : das Parfum.
Mit immmer wieder neuen Geschichten und Begriffen können wir durch ihre Texte Parfums riechen und träumen. Sie versucht das Parfum in seinem intimsten Eigenschaften zu beschreiben, die uns emotionell berühren, um es vor der Alltäglichkeit zu bewahren.
Parfums sind für sie auch Kunst, weil sie Kreativität benötigen. Die Qualität der Parfums ist für sie eine Vorraussetzung für ihren Beruf.