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Elisabeth de Feydeau

Guten Tag Frau Dr. Elisabeth de Feydeau, sie haben ein Doktor in Geschichte mit dem Spezialgebiet Parfums, und sind Schriftstellerin. Wir haben bereits von ihnen in unseren Büchern und im Rahmen der Parfum Workshops von Thierry Mugler gesprochen. Erzählen sie uns etwas mehr von sich.

Seit meiner Kindheit werde ich von Düften geleitet: Gerüche der Natur, von Personen oder der Küche. Es ist das Erbe meiner Mutter, daß ich die Welt mit der Nase entdecke. Als ich dann mit 16 Jahren L’Heure Bleue von Guerlain kennenlernte, war ich sehr beeindruckt. Das Parfum wurde für mich so wichtig, daß ich diese aufregende aber angenehme Erfahrung begreifen wollte. Es ist wie eine Welle, die einen zu einem anderen Strand bringt, oder Musik zu hören. Zum Beispiel, wenn ich ein Stück auf dem Klavier spiele, was ich in meiner Kindheit gelernt hatte. Auch die Musik hat mich zu den Parfums gebracht.

Ihr Buch über Marie-Antoinette und ihren Parfumeur ist erfolgreich. Es ist in die englische, spanische und deutsche Sprache übersetzt worden. Glauben sie, daß sie wie die Regisseurin Sofia Coppola, einen anderen Aspekt der ‘letzten Königin von Frankreich’ zeigen konnten, der verführerischer und glamourhafter ist ?

Das Buch kommt am 10. September auch in Japan heraus, wo die Königin viele Fans besitzt. Seit 20 Jahren wird in Tokyo eine Operette über ihr Leben gespielt und sie ist immer ausverkauft. Auch die Mangas, die ihre mutmaßlichen Abenteuer mit dem Graf von Fersen erzählen finden seit den 70er Jahren eine große Nachfrage ! Ich habe die Vision von Sofia Coppola von der Königin sehr gemocht und ich wollte in meinem Buch, das 2005 herausgekommen ist, ein anderes Bild von der Königin geben und ihre ganze Modernität herausstellen. Ihre Person ist in der Geschichte sehr kritisiert worden. Ich wollte ihren großen Mut herausstellen und zeigen, wie sie ihr Schicksal mit Würde getragen hat. In den Archiven konnte ich Aspekte ihrer Persönlichkeit kennenlernen, die uns heute besonders ansprechen: die Schwierigkeit den Widerspruch zwischen öffentlichem und privatem Leben zu überbrücken. Sie hatte die Pflichten einer Königin, aber wollte sich in ihrem Leben auch als Mutter und Frau verwirklichen. Sie war ein großzügiger Mensch, der gegenüber den ärmsten Untertanen Mitleid zeigen konnte. Sie war eine Königin des Herzens und nicht so kalt und arrogant, wie sie in die Geschichte eingegangen ist. Das hat mich bei der Königin berührt und das kommt auch in dem Parfum M.A. Sillage de la Reine (eine duftende Initiative von dem Schloß Versailles, geschaffen von Francis Kurkdjian mit der historischen Beratung von Elisabeth de Feydau, A.d.R.) heraus. Der intime Duft ist vielschichtig, floral und fleischig, einfach anders.

Wenn man heute von Parfums spricht, denkt man immer gleich an das Konzept der Verführung. Ist das typisch für unsere Epoche oder war das im Laufe der Jahrhunderte immer so gewesen ?

Das ist seit Urzeiten so. Der Begriff Parfum kommt von dem lateinischen ‘per fumum’ und das erste Parfum, dessen Zusammensetzung wir kennen, das Kyphie geht auf 4000 v. Chr. zurück. Das Parfum, das ‘zwei Mal gut’ genannt wurde, stellten Prister her, die es anschließend in Tempeln verbrannten um die Götter zu ehren. Es bestand aus Harzen (wie Myrrhe oder Weihrauch), Balsam, Honig, Blumen und Palmenwein. Die Priester entdeckten auch, daß es sehr hilft, um die Nerven zu beruhigen und schöne Frauen benutzten es bereits um ihre Verführungskraft zu erhöhen. Die Etymologie des französischen Wortes für Verführung – séduction = se duco, also ‘bei Seite führen’ - geht in diese Richtung. Seitdem wird im Leben oder in der Literatur das Parfum als das beste Mittel der Verführung angesehen !

Kennen sie historische Anekdoten zu diesem Thema, die sie uns erzählen können ?

Ja. Kleopatra benutzte leidenschaftlich gern Parfums. Die große Verführerin wußte, daß man seine Macht über die Männer dank eines Parfums erhöhen konnte. Als sie loszog um Marc-Antonius zu treffen, um den gefangenzunehmen, der sie besiegt hatte, hat sie ihr schönstes Schiff enommen und die Segel parfumiert. ‘Der Wind hatte Liebeskummer’ schrieb Shakespeare in seiner Tragödie Antonius und Kleopatra. Man erzählt sogar, daß sie ihre erste Liebesnacht auf einem Bett von Rosenblüttenblätter von einer Höhe von 45 cm verbracht haben !

Gibt es für sie Parfums, die mehr als andere das Thema der Verführung verkörpern ?

Im Zweifelsfall kann jedes Parfum Verführung verkörpern. Denn diese Erregung ist mit dem Gedächtnis verbunden. Wenn also eine Person eine heiße Erinnerung an eine Liebesnacht, die nach munterem und frischem Eau de Cologne duftete, behält, warum nicht ? Generell passen die orientalischen Parfums zur Haut und erinnern an die Sinnlichkeit einer Umarmung. Heilige und verhängnisvolle Akkorde von Chypre, wie die Hitze unter dem Eis von Hitchcock, können auch die Sinne verwirren und verführen.

Vielleicht auch Rohstoffe oder Akkorde ?

Ganz sicher animalische Noten, die direkt an die Sexualität und Pheromone erinnern: Moschus, grauer Ambra, aber auch Zibet und Bibergeil. Man darf aber auch nicht vergessen, daß weiße Blumen ebenfalls eine animalische Komponente besitzen, das Indol.

Die Freidenker des 18. Jahrhunderts wußten, warum sie nach dem Essen eine ‘Schokolade mit dreifach Vanille und grauem Ambra’, begleitet von eine nach Moschus riechenden Makrone tranken. So erhöhten sie ihre Liebeslust, bevor sie sich im Alkoven zurückzogen. Man sagte von einem guten Liebhaber, das er ‘fein wie Ambra’ sei. Das erklärt alles ! Es waren auch Freidenker, die ihre Unterwäsche mit Leder in Moschus einlegten…
Während sinnliche Noten den Geschmack von einer verbotenen Frucht haben. Vor allem die Noten von Schokolade, Früchten, Vanille… Sie können die Begierde wecken, denn man verbindet mit ihnen angenehme Erinnerungen. Es ist fast eine kannibalische Liebe. Vanille ist auch eine Note, um sich zurückzuziehen, denn sie läßt an die schützende Mutter denken. Ausserdem konnte durch eine chemische Analyse Spuren von Vanille in der Muttermilch nachgewiesen werden.

Augenblicklich gibt es den sehr starken Trend, daß verschwundene Parfums neu herausgegeben werden, wie zum Beispiel bei Lancôme, Givenchy, Piguet oder Yves Rocher. Wie interpretieren sie diesen Trend: Ist es eine Modeerscheinung oder Nostalgie, der Wunsch an die Quelle zurückzukehren oder ist es ein Interesse des Verbrauchers an die Gechichte des Parfums ?

Ich glaube nicht, daß die Marken Neuauflagen machen, weil sie glauben, daß die Konsumenten sich für die Parfumgeschichte interessieren, auch wenn Vintage immer Erfolg hat. Die Konsumenten von Parfums kennen sich besser aus: Sie wissen mehr über Parfums und sind auch anspruchsvoller. So ziehen sie oft ein schönes altes Parfum, das die Prinzipien der Kreativität respektiert hat, einigen modernen, kommerziellen Parfums vor, die zu sehr die breite Masse ansprechen wollen. Hier haben die alternativen Marken seit 10 Jahren den Weg gezeigt. Zum Glück wollen die Marken das Parfum wieder mehr zu einem Luxusprodukt machen, wie früher, als es noch nicht Teil des Alltags war. Heute wird es anders benutzt, doch es muß weiterhin ein Luxusprodukt bleiben. Um sich inspirieren kann ein Blick in die Vergangenheit helfen. Die vielschichtige Geschichte erlaubt es den Parfums Träume und Sinn zu vermitteln. Wenn man kopiert, schafft man, sagte Picasso.

Gibt es für sie ein Parfum, das sie gerne wiederfinden würden ?

Chypre de Coty , das 1917 geschaffen wurde. Dieser genialer Visionär hatte einen sehr alten Akkord der Parfumerie, L’Eau de Chypre, dank von Synthesenoten neu interpretiert. Man erzählt sogar, daß er selber im Wald von Fontainebleau sein Eichenmoos gesammelt hat, um die gewünschte Qualität zu erreichen. Sonst habe ich keine Nostalgie für das was verschwunden ist. Ich wünsche mir nur die unveränderlichen Formeln von einigen großen Parfums, die so geliebt werden, zu riechen.

In welcher anderen Epoche hätten sie gerne gelebt. Warum ?

Tatsächlich mag ich meine Epoche besonders und ich bin sehr zufrieden im 21. Jahrhundert zu leben. Wie in jeder Epoche gibt es einiges sehr postive und auch Schattenseiten. Die Geschichte ist eine ewige Wiederkehr. Die Menschheit ist so überraschend und kreativ. Dennoch habe ich einige Lieblingsepochen in der Geschichte. Ich mag das 18. Jahrhundert, die Belle Epoque (1880 – 1914) und die wilden Zwanziger. Es sind Perioden von wissenschaftlichen Fortschritt und intellektuellem und künstlerischem Überfluss, bei dem auch die Parfumerie keine Ausnahme war !